Die Namensgeberinnen – Göttinger Frauen und ihre Geschichten

Der BLUG wünscht alles Gute zum Weltfrauentag! Zur Feier des Tages wollen wir an bedeutende Frauen erinnern, die ihre Spuren in der Wissenschaft und Kultur Göttingens sichtbar hinterlassen haben. Mit diesen Pionierinnen verbinden uns zwar die gleichen Orte, doch sie mussten ihr Leben und ihre Ziele unter ganz anderen Umständen meistern.

Therese Heyne – Weibliche Stimme in einer Welt voller Männer

Therese Heyne

In dem kleinen Fachwerkhaus direkt gegenüber der Historischen SUB wohnte Therese Heyne. Sie wurde 1764 geboren, ihr Vater Christian Gottlob Heyne war Professor für Altphilologie an der frisch gegründeten Uni Göttingen. Er leitete auch die Bibliothek. Therese Heyne musste nur einmal die Straße überqueren, und schon hatte sie Zugang zu Wissensmengen, die den meisten Frauen ihrer Zeit verwehrt waren. Sie las und bildete sich, doch noch konnte sie als Frau nicht einfach eine akademische Karriere beginnen. Also heiratete sie 1785 den Naturwissenschaftler Georg Forster. Für ihn zog sie erst nach Wilna, dann nach Mainz. Die finanzielle Lage der Familie, die bald durch Kinder vergrößert wurde, war nicht einfach. Die unruhige politische Lage nach der Französischen Revolution gab Therese Heyne die Möglichkeit, gemeinsam mit den Kindern ihren Mann zu verlassen, der noch vor der Scheidung starb.

Therese Heynes Haus im Papendiek

Kurz darauf lernte Therese Heyne den Schriftsteller und Redakteur Ludwig Ferdinand Huber kennen, den sie 1794 heiratete. In dieser Ehe konnte sie nun endlich selbst schreiben, statt wie für Forster nur zu übersetzen. Noch mussten ihre Texte allerdings anonym oder unter dem Namen ihres Mannes erscheinen. Nach seinem Tod zog sie 1816 nach Stuttgart, wo ihr der Verleger Johann Friedrich Cotta eine Stelle anbot. Sie wurde Redakteurin beim Kunst-Blatt, einer Beilage des Morgenblatts für gebildete Stände. Schließlich übernahm sie die Leitung der Redaktion des Morgenblatts. Therese Heyne war sich bewusst, wie ungewöhnlich ihre Stellung als publizierende Frau war. An eine Freundin schrieb sie: „Mir ist das Gedruckt sein immer ein beunruhigendes, schmerzliches, demütigendes Gefühl. Es ziemt dem Weibe nicht.“ Immer wieder musste sie sich gegen ihre männlichen Kollegen behaupten, von denen einige sie loswerden wollten. Cotta zahlte ihr ein wesentlich geringeres Gehalt als den anderen und schloss sie schließlich aus der Redaktionsarbeit aus, um seinen Sohn als Chefredakteur einzusetzen. Trotzdem hörte Therese Heyne nicht auf zu schreiben. Sie verfasste Erzählungen, Essays, Romane und unzählige Briefe. 1829 starb sie in Augsburg, beinahe erblindet. Die Plakette am Haus der Heynes gegenüber der alten SUB ist eine der wenigen in Göttingen, die an eine Frau erinnert. Auch eine Straße ist nach Therese Heyne benannt. Und auch sonst hat ihr Leben Spuren hinterlassen: Ihr riesiges Werk kann auch heute noch gelesen werden. 

Hanna Sellheim

 

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Hanna Sellheim

 

 

Lou Andreas-Salomé – Ein unabhängiges Leben

Lou Andreas-Salomé

Als jüngstes Kind einer deutsch-russischen Familie wurde Lou Andreas-Salomé 1861 in St. Petersburg geboren und beschäftigte sich sehr früh mit Literatur, Philosophie und Religion. Gegen den Willen ihrer Mutter packte sie ihre Koffer und zog nach Zürich, wo es ihr möglich war als Frau zu studieren. Doch dort hielt es sie nicht lange. Sie brach ihr Studium ab und begann Europa zu bereisen. Rom, Stockholm, Berlin, Paris und Wien waren nur einige ihrer Stationen. Zu ihren FreundInnen gehörten die Frauenrechtlerin Malwida von Meysenbug, der Lyriker René Maria Rilke (der sich nach ihrem Rat nun Rainer nannte) und der Philosoph Friedrich Nietzsche, der ihr einen Heiratsantrag machte. Lou ließ ihn abblitzen, denn sie wollte weiterhin ein ungebundenes und freies Leben führen, ganz nach ihrem Motto: „Ich bin Erinnerungen treu für immer: Menschen werde ich es niemals sein.“ Allerdings kam es doch noch zur Hochzeit, aber mit einem anderen Mann. Der Orientalist Friedrich Carl Andreas drängte sie in die Ehe, indem er sich nach einer Abweisung vor ihren Augen ein Messer in die Brust rammte. Lou willigte zwar ein, ihn zu heiraten, doch sie stellte eine Bedingung: Die Ehe dürfe niemals sexuell vollzogen werden. An ihrer Unabhängigkeit sollte sich nichts ändern. Die beiden zogen nach Göttingen und tauften ihr Haus „Loufried“. Sie war weiterhin viel unterwegs und verfasste Erzählungen, Gedichte, Essays und Theaterkritiken. Ab 1912 studierte sie Psychoanalyse in Wien bei Sigmund Freud. Dort wurde ihr eigenwilliger Ansatz als literarisch und poetisch beschrieben, was ihr den Namen „Dichterin der Psychoanalyse“ einbrachte. 1915 kehrte Lou Andreas-Salomé nach Göttingen zurück und sie eröffnete 1915 im „Loufried“ die erste Psychoanalytische Praxis der Stadt. 1937 starb sie dort im Schlaf.

Während die GöttingerInnen zu Lebzeiten ihr gegenüber sehr skeptisch eingestellt waren, erinnern heute viele Orte an die Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, wie etwa das Lou Andreas-Salomé-Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie und der Lou-Andreas-Salomé-Weg. Ihr „Loufried“ gibt es heute zwar nicht mehr, aber ein Denkmal und Gedenktafeln am ehemaligen Standort ihres Wohnhauses erinnern an sie und an ihr Wirken als eine der ersten weiblichen deutschsprachigen Intellektuellen und VorreiterInnen der Psychoanalyse. Wenn ihr mehr über ihr vielseitiges und faszinierendes Leben erfahren wollt, dann kann ich euch die Filmbiographie von der Regisseurin Cordula Kablitz-Post empfehlen. Den Trailer findet ihr hier. Wenn ihr lieber direkt an die Quelle wollt, dann durchforstet doch mal den Katalog der SUB nach ihrem literarischen Werk. Es lohnt sich!

Lou Andreas-Salomés Denkmal in der Herzberger Landstraße 101
Swantje Hennings

 

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Swantje Hennings

 

 

Emmy Noether – Pionierin der modernen Algebra

Amalie Emmy Noether

Amalie Emmy Noether wurde im März 1882 in Erlangen als Tochter einer jüdischen Familie geboren. Universitäten waren Frauen damals noch verschlossen – deshalb ließ sich die junge Frau erst einmal als Fremdsprachenlehrerin ausbilden, an einer höheren Schule für Töchter. Eine Zeit lang war Emmy Noether in Göttingen, hier konnte sie mit einer Sondererlaubnis als Gasthörerin einige Vorlesungen besuchen. Im Jahr 1903 durften sich in Bayern dann erstmals auch Frauen an den Universitäten immatrikulieren: Emmy Noether nutzte die Gunst der Stunde, und schrieb sich in ihrer Heimatstadt Erlangen an der Uni ein. Und das war genau das richtige: Vier Jahre später konnte sie, als zweite Frau überhaupt in Deutschland, im Fach Mathe promovieren. Damit verließ sie den damals für Frauen vorgegebenen Lebensweg als Hausfrau, Mutter und treusorgender Ehefrau.  Nach der Promotion wurde sie in Fachkreisen schnell als Ass im Bereich der Differentialanalyse bekannt – darum haben die Wissenschaftlern Felix Klein und David Hilbert sie dann auch an die Universität Göttingen eingeladen. Fun Fact: Unsere schöne Uni galt damals als „Mathe-Mekka“. Emmy Noether folgte der Einladung. Hilbert und Klein unterstützten sie außerdem bei dem Vorhaben, zu habilitieren – das klappte wegen eines Habilitations-Verbots für Frauen dann aber erst im Jahr 1919, als diese Regelung wegfiel. Bis dahin arbeitete sie als Assistentin von Professor David Hilbert, hielt aber bereits eigene Vorlesungen. Einige Jahre nach ihrer Habilitation erhielt Emmy Noether dann auch tatsächlich eine außerordentliche Professur in Göttingen: Selbstverständlich aber zu einer sehr viel geringeren Vergütung, als sie ihre männlichen Kollegen bekamen (Gender-Pay-Gap lässt grüßen!).

Hier geht’s zum Emmy-Noether-Saal…

Der aufkommende Nationalsozialismus hat Emmy Noethers Wirken in Deutschland ein jähes Ende gesetzt. 1933 verließ sie das Land, nachdem sie von den Nazis wegen ihrer jüdischen Wurzeln aus dem universitären Betrieb ausgeschlossen worden war. In den USA nahm sie dann einen Lehrauftrag in Princeton an. Leider starb sie bald darauf: Im Jahr 1935 überlebte sie eine Operation nicht.

Emmy-Noether-Saal im Gebäude der Alten Mensa

 

Als eine Pionierin der modernen Algebra (es gibt sogar ein Noether-Theorem) bleibt sie bis heute in Erinnerung, auch in Göttingen: Solltet ihr mal wieder am Wilhelmsplatz im Gebäude der Alten Mensa unterwegs sein, seht ihr direkt am Eingang ein Schild, das zum Emmy-Noether-Saal weist.

Tanita Schebitz

 

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Tanita Schebitz

 

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Swantje Hennings, 25, studiert im Master Komparatistik, vorher BA in Deutsch und Geschichte. In Göttingen oft für das Campusradio GöHört unterwegs und jetzt auch als Bluggerin auf Achse.

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