Digital Detox – oder mein Versuch, mich von digitalen Medien zu emanzipieren

Es ist zehn vor sieben, ich werde von einem penetranten, viel zu fröhlichen Dudeldudeldidudadida aus dem Schlaf gerissen – Blue Harbor, nur eine der vielen Melodien, die mein Smartphone-Wecker für adäquat hält, um wach zu werden. Auf jeden Fall nehme ich gegen fünf nach sieben (nach drei verzweifelten Snooze-Versuchen) das Handy das erste Mal am Tag in die Hand – ohne überhaut richtig darüber nachzudenken. Und das war nicht das letzte Mal! Ich habe eine App installiert, die mir die Nutzungsdauer am Smartphone anzeigt. Das Ergebnis: An manchen Tagen bringe ich  knapp dreieinhalb Stunden insgesamt mit meinem Handy zu. Dreieinhalb Stunden! Ich bin einigermaßen verblüfft, als ich diesen Wert sehe. Gut, es kommt immer drauf an, ob ich frei habe oder nicht, ob ich lange auf den Bus warten muss, oder oder oder. Trotzdem will ich jetzt unbedingt eins: Weniger Zeit in der digitalen Welt und mit Smartphone und Co. verbringen!

Eine Woche Verzicht auf alles Digitale, schießt es mir tollkühn durch den Kopf, es ist ja nicht nur das Handy, mit dem man sinnvolle Lebenszeit vergeudet. Einschlägige Streaming-Dienste und das ziellose Surfen im Internet, wenn man eigentlich Literatur für eine Hausarbeit recherchieren soll, gibt es schließlich auch noch. Doch während ich mir siegessicher ausmale, wie ich mein Smartphone in einer Schublade verstaue und nie wieder Zeit mit Streaming-Diensten verschwende…blinkt, oh Wunder, mein Handy. Und bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann, habe ich es schon direkt wieder in der Hand und entsperrt. Oh, man…

Smartphone – den Big-Boss besiegen

Digital Detox!

Mir wird klar, dass das ganze Vorhaben definitiv einen Plan benötigt, weil ich trotz aller guten Vorsätze einfach auf mein Handy und auch auf das Internet und den Laptop angewiesen bin – allein schon wegen des Studiums und meines Jobs. Ich justiere also das Ziel meines Vorhabens: Ich muss – statt ganz auf digitale Medien zu verzichten – einfach einen vernünftigen und vor allem bewussteren Umgang damit finden. Alles in Maßen, hat schon meine Oma immer gesagt. Deswegen wird meine Woche „Digital Detox“ auch schön maßvoll angegangen. Ich stelle mir ein paar Regeln auf, die sich trotz meines Ziels, weniger Zeit mit digitalen und sozialem Medien zu verbringen, gut mit meinem sozialen Leben vereinbaren lassen. Dann schalte ich alle Push-Meldungen auf Laptop und Handy aus – auch dieses blinkende Licht am Smartphone, das signalisiert, dass eine neue Nachricht oder Email eingetrudelt ist. Weg damit! Das Motto hier ist, was nicht blinkt, mach mich nicht neugierig. Ganz old-school beginne ich jetzt außerdem wieder, meine Armbanduhr zu tragen, und eine App installiere ich auch noch: Haha, ja ich weiß, ’ne App für Digital Detox?

Ein Bäumchen für die Konzentration

Das Bäumchen wächst!

Sie heißt „Forest“, und soll das ununterbrochene Arbeiten fördern. Ihr könnt sie euch übrigens auch kostenlos in den jeweiligen App-Stores herunterladen. Man kann eine Zeitspanne einstellen, in der man nicht ans Handy gehen will, zum Beispiel eine Stunde. Startet man die App, fängt ein kleiner Baum an zu wachsen – und nur, wenn ihr wirklich eine Stunde nicht am Smartphone rumdaddelt, wird aus dem Sprössling ein Baum. Wird die App unterbrochen, kommt eine Warnung, und solltet ihr dann trotzdem weiter am Handy sein – vertrocknet der süße kleine Baum. Aua. Klingt banal, mich motiviert das aber tatsächlich, mein Handy wieder aus der Hand zu legen, wenn ich es automatisch hoch genommen habe. Ob das jetzt am Bäumchen liegt, oder einfach an der Erinnerung, dass ich es ja nicht benutzen wollte – das sei mal dahingestellt.

Verlockungen von Laptop und Streaming-Diensten entschärfen

Und vertrocknet…

Aber wie schon gesagt, man vertrödelt ja nicht nur seine Zeit mit dem Smartphone. Rumprokrastinieren am Laptop ist auch so ein Stichwort.  Hier logge ich mich kurzerhand überall aus, wo ich sonst normalerweise automatisch eingeloggt bin – das macht die Hürde höher, sich auf den entsprechenden Seiten herumzutummeln. Die Auto-Play Funktion bei Streaming Diensten wird ebenfalls ausgestellt, und ich nehme mir vor, außer gemeinsam mit anderen bei Filmabenden keine Serien und Filme zu schauen. Um sich abends dann nicht zu langweilen, auch wenn man keine Lust hat zu lesen, gibt’s übrigens auch eine Lösung: Hörbücher! Kann ich nur wärmstens empfehlen. Nachdem ich mir überlegt habe, wie ich die Sache angehe, fühle ich mich zwar nicht mehr so kühn und mutig wie noch am Anfang, als ich mir ausgemalt habe, allen digitalen und sozialen Medien für eine Woche abzuschwören – doch auch so habe ich ein gutes Gefühl bei der Sache.

Von Entzugserscheinungen und Erfolgserlebnissen

Ja, soweit also zum Plan. Aber wie lief es jetzt wirklich? Erstmal Ernüchterung. Die digitale Entwöhnung ist tatsächlich gar nicht so einfach, auch wenn man, wie ich, hoch motiviert an die Sache herangeht. Entzugserscheinungen haben sich da gerade anfangs bemerkbar gemacht; den Blick auf die Armbanduhr musste ich mir regelrecht wieder antrainieren, und der Drang, mal eben schnell die neusten Meldungen bei meiner Nachrichten App zu checken, war auch schwierig zu unterdrücken. Am härtesten war es übrigens tatsächlich, dem im Alltag omnipräsenten Smartphone zu entkommen. Hier hat aber wirklich das Ausschalten der Push-Meldungen gut gewirkt; ich habe nach einiger Zeit das Handy im Vergleich zu sonst viel seltener zur Hand genommen, weil nicht immer irgendwas geblinkt hat, das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch die App Forest finde ich hilfreich und sie hat mir außerdem gezeigt, dass ich mit meinem Arbeitspensum viel schneller fertig bin, wenn ich einfach länger und konzentriert an meiner Aufgabe arbeite – ohne ständige Unterbrechung (wie überraschend). Das Verzichten auf Streaming-Dienste und die neusten Folgen der Lieblings-Serie sind mir dann tatsächlich gar nicht so schwer gefallen wie ich dachte –  was vielleicht auch daran gelegen hat, dass ich in der Woche einmal mit meinem Freund im Kino war und zweimal ziemlich früh ins Bett gegangen bin, da ich am nächsten Tag zur Frühschicht um fünf wieder raus musste (ja, diese Uhrzeit ist eine Qual, egal was alle Frühaufsteher sagen – und man gewöhnt sich auch nicht dran).

Fazit – der süße Sog der digitalen Welt

Und was bleibt? Bin ich jetzt vollkommen emanzipiert von den Versuchungen der digitalen Welt? Ganz klar, nein. Ich habe mir aber viele Gedanken um die Nutzung von Smartphone und Co. gemacht und habe das Gefühl, diese Dinge jetzt ein wenig bewusster einzusetzen – und mich auch mal davon auszunehmen, statt mich davon treiben zu lassen. In diesem Sinne würde ich sagen, dass das Experiment „Digital Detox“ doch sehr erfolgreich verlaufen ist (whoop, whoop) und mein Nutzungsverhalten von digitalen Medien auch heute noch positiv beeinflusst.

 

 

 

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