E-Sports an der Uni Göttingen

E-Sportler… vor diesem Gespräch war ich sehr gespannt, auf wen ich wohl treffen würde. Mein Bild eines „typischen E-Sportlers“ entsprach einem blassen, dünnen, männlichen Menschen, der viel von Informatik versteht, tagelang in einem abgedunkelten Zimmer hockt und sich von Energy Drinks ernährt. Achso, und über Geschichte weiß er alles. Wie auch immer das in meinen Kopf gekommen ist… Und wer weiß, vielleicht begegne ich ja genau so jemandem. Vielleicht aber auch nicht… Um das herauszufinden, treffe ich mich mit Nils und Linus, zwei Mitglieder der Hochschulgruppe „E-Sport Uni Göttingen“, auf einen Kaffee.

Meine erste Frage nach dem Entstehen der Gruppe ist schnell geklärt: Die Hochschulgruppe „E-Sports Uni Göttingen“ basiert auf einer Idee, die im Frühjahr 2017 im Rahmen des Wettbewerbs „Kreativität im Studium“ entstanden ist und prämiert wurde. Ein paar Monate später wurde diese dann schließlich umgesetzt und die Gruppe gegründet. Der Wettbewerb „Kreativität im Studium“ wird zwei Mal jährlich von der Uni Göttingen ausgerichtet und richtet sich an Studierende, die über ihr Studium hinaus Ideen haben, die sie gerne umsetzen möchten. Als Gewinn locken Fördergelder, die die Studierenden in ihre Projekte investieren können.

Seit der Gründung im Oktober 2017 wächst die Gruppe stetig und besteht inzwischen aus 15 Personen mit administrativen Tätigkeiten und vielen Spielern. Wie viele es genau sind, konnten die Jungs mir allerdings nicht sagen, da es aufgrund mangelnder Beiträge und fehlender Räumlichkeiten zu einer hohen Fluktuation der Spieler kommt.

E-Sport an der Uni Göttingen läuft noch nicht über den Hochschulsport, also kann die Gruppe noch keine Beiträge für eine Mitgliedschaft verbuchen. Dadurch finanzieren sie sich ausschließlich über Merchandise und Events, bei denen sie dann Snacks o.ä. verkaufen. Grundsätzlich ist es allerdings auch ein Ziel der Gruppe, sich an den Hochschulsport anzugliedern, bzw. zumindest soweit finanziell unabhängig zu sein, dass man nicht mehr „von der Hand in den Mund leben muss“, erzählt mir Nils. Das Problem dabei sei aber, dass viele „traditionelle Sportler“ ihren Sport nicht wirklich anerkennen. Das können die beiden Jungs auch nachvollziehen, denn „unser Sport ist halt kein Sport im konventionellen Sinne“, aber nichtsdestotrotz gibt es viele Überschneidungen mit anderen Sportarten (dazu später mehr) und mental ist es allemal anstrengend, ähnlich wie Schach, so Linus.

Hier steht Super Smash Bros. Ultimate als Spiel auf dem Programm

Dabei konzentriert sich die Gruppe keineswegs auf nur einen Spieletitel, nein, zur Zeit gibt es folgende sieben Spiele, in denen sie antreten: Counter-Strike: Global Offensive (CS:GO), Hearthstone, League of Legends (LoL), Overwatch, Rainbow Six: Siege, Rocket League und Super Smash Bros. Ultimate.

Ob sie generell häufig mit Vorurteilen konfrontiert werden? Beide verneinen. Die meisten Menschen, mit denen sie über ihr Hobby reden, haben ganz einfach noch nie davon gehört oder interessieren sich nicht dafür, weshalb die Reaktionen meist recht neutral ausfallen. Selten kommt es vor, dass Personen davon ausgehen, dass E-Sport einen ungesunden Lebensstil, Gewaltpotential oder andere negative Eigenschaften fördern würde. Nur am Rande: Nils und Linus entsprechen beide in keinster Weise dem oben beschriebenen Bild eines E-Sportlers, wie ich ihn mir vorgestellt hätte. Auch als ich provokant frage, ob sie denn alle etwas „Nerdiges“ studieren würden, fällt die Antwort recht überraschend für mich aus. Klar studieren einige etwas in Richtung Naturwissenschaften oder Informatik, es gibt aber auch genug in der E-Sports-Gruppe, die etwas Geisteswissenschaftliches studieren. Nils studiert Jura und ist im vierköpfigen Vorstand der Gruppe für die Rechtsabteilung zuständig. Seine Aufgaben belaufen sich vor allem auf Organisatorisches, sprich Terminvereinbarungen, Spielpläne erstellen, Events planen und Networking, also Kontakte zu anderen Teams in Deutschland oder zu Sponsoren aufbauen. Linus ist Ressortleiter des Counterstrike-Teams, Er soll mir heute die spielerischen Aspekte etwas näherbringen. Seine Aufgaben beschränken sich vor allem auf die Counterstrike-Abteilung, wo er Public Viewings von Turnieren organisiert und für Nachwuchs sorgt.

Zeit für eine Zwischenbilanz. Bisher entsprechen die beiden so gar nicht meinem Bild eines „typischen E-Sportlers“ mit fettigen Haaren, einem blassen Gesicht und wenig Bezug zur Wirklichkeit. Natürlich klingt es alles etwas nerdig, wenn sie von ihrem Hobby berichten, aber das ist schließlich bei Basketball-, Handball- oder Tischtennis-Begeisterten, kein Stück anders. Was ich persönlich gut finde ist, dass sie nicht auf Biegen und Brechen darauf bestehen, ihren Sport mit anderen, konventionellen Sportarten, gleichzusetzen. Diese konventionellen Sportarten definieren sich zum Großteil über die Bewegung und die körperliche Aktivität eines Menschen, aber eben auch über verschiedene Spiel und Wettkampf-Formen, was wiederum klar auf den E-Sport zutrifft. So muss man meiner Meinung nach einfach ein wenig differenzieren und sagen, dass E-Sport ein etwas anderer Sport ist (vielleicht ähnlich wie Schach?).

Was für mich fast am überraschendsten war, ist, dass es nicht nur eine Uni-Liga gibt, sondern gleich mehrere, denn das bedeutet ja, dass die Nachfrage doch sehr hoch sein muss. Zumindest höher als ich es zu Beginn dachte. Dies bedeutet allerdings nicht, dass E-Sport an anderen Unis schon etablierter ist als hier in Göttingen. Probleme institutionellen Anschluss an die „traditionellen Sportler“ zu finden, haben die meisten E-Sport Gruppen. Insgesamt gibt es drei verschiedene Divisionen, in denen die E-Sportler der Uni Göttingen jeweils ein Team haben. Linus berichtet mir, dass allein im Spieletitel CS:GO ca. 40 Teams in der Uni-Liga antreten und sich miteinander messen. Jeder Spieletitel hat also eine eigene Liga, genau wie bei Fußball, Handball oder Hockey. Die Spieltage an sich finden bisher allerdings fast ausschließlich online statt. Das ist einfach der Tatsache geschuldet, dass es zu teuer wäre, einen eigenen Trainings- und Spielraum einzurichten, wie es bei echten Profi-Teams bereits der Fall ist. Auf lange Sicht ist dies allerdings auch ein Ziel der Gruppe, um das Ganze persönlicher zu machen und auch um den Zusammenhalt im Team zu stärken. Um trotzdem ein wenig Teamgeist zu gewährleisten, gibt es zwei Mal im Monat einen Community-Abend, an dem sich die Teams treffen und zusammen Zeit verbringen. Und das nicht vor den PCs, sondern z.B. abends am Willi.

An sich sind die Teams, unabhängig vom Spieletitel, ähnlich aufgebaut wie in jeder anderen Sportart. Es gibt einen Teamkapitän, der meist das Spiel analysiert, eine Taktik vorgibt und Aufgaben an seine Mitspieler verteilt. Neben ihm haben alle anderen Mitspieler auch eine spezifische Aufgabe, das kann man ganz gut mit Angriff/Abwehr bei den meisten Mannschaftssportarten vergleichen. Der Zeitaufwand, den die Mitglieder in ihr Hobby stecken, ist enorm. Drei Mal die Woche gibt es ein festes Teamtraining, am Wochenende ein Spiel. Damit kommt man auf acht bis zwölf Stunden reine „offizielle“ Trainings- und Spielzeit. Hinzu kommen dann noch die individuellen Trainingszeiten, die alle eigentlich noch möglichst oft einlegen sollten. Dieser Aufwand kann sich mitunter allerdings auch lohnen, denn angenommen man gewinnt die Uni-Liga, dann kann man von Sponsoren gestellte Preise gewinnen, die bis zu 3000€ betragen können.

Unsere Getränke sind allmählich ausgetrunken und bevor wir zahlen und uns wieder auf den Weg machen, fasst Nils noch einmal die Ziele für mich zusammen: Primär geht es der Gruppe darum, E-Sports in Göttingen immer weiter zu integrieren und eine größere Akzeptanz dafür zu schaffen. Ambitionen ein echtes Profiteam zu werden, gebe es zwar nicht, trotzdem solle die Hochschulgruppe nach Möglichkeit mit der Zeit aber „DIE Adresse für E-Sports in Göttingen werden.“

Ein paar Wochen später treffe ich Nils noch einmal, auf einem Super Smash Bros. Ultimate Event. Bisher konnte ich durch die Erzählungen der beiden die Stimmung bei solch einem Event immer nur erahnen. Nun aber komme ich in einen von surrenden Computern und klickenden Controllern erfüllten Raum. Immer in zweier Pärchen, sitzen bestimmt 40–50 Personen immer zu zweit an je einem Computer und blicken gebannt auf den Bildschirm. Es ist eine angenehm lockere, aber gleichzeitig konzentrierte Stimmung.

Die Turnierteilnehmer kamen aus ganz Deutschland und haben ihr Equipment größtenteils selber mitgebracht

Neben dem Eingang sitzt an zwei Tischen die Turnierleitung, die gleichzeitig auch ein paar Getränke verkauft. Nicht nur Energy Drinks nebenbei bemerkt. Von ihnen werde ich auch sofort freundlich empfangen und bekomme kurz erklärt, wie das Turnier abläuft. Im Grunde genommen funktioniert es wie bei jeder Fußball-WM auch. Es gibt eine Ladder, die Gruppenphase, in der alle gegen alle spielen und am Ende die K.O. Spiele, die auf einem großen Beamer gezeigt und live bei Twitch übertragen werden.

Die live Übertragung auf Twitch und der große Beamer im Hintergrund

Während ich meine Fotos mache, bin ich ein zugegebenermaßen ein wenig überrascht, denn bisher war nie die Rede davon, dass sich auch Frauen oder andere Geschlechter für E-Sport interessieren, hier sitzen nun aber doch auch einige weibliche Personen vor den Bildschirmen.
Als ich nach Hause komme, lasse ich mir das vorrangegangene Gespräch und das Event noch einmal durch den Kopf gehen und überlege, ob das Bild, das ich zuvor von E-Sportlern hatte, mit dem übereinstimmt, mit dem was ich gesehen und gehört habe. Sicher entsprachen einige Personen dem Bild was ich von ihnen im Kopf hatte und sicher wussten ein paar auch alles über Geschichte, aber im Großen und Ganzen war es doch ein sehr durchmischtes Völkchen, auf das ich da treffen durfte! Mein grundlegendes Verständnis von Sport wurde durch die beiden Treffen zwar nicht verändert, aber das war ja schließlich auch nicht das Ziel. Vielmehr bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es einfach sehr schwierig ist, traditionelle Sportarten und E-Sports zu vergleichen, da es gleichzeitig sehr viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede gibt.

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