Eine Chronologie des Unvorstellbaren

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Natürlich wollte ich die Wahlnacht live sehen! Die USA faszinieren mich. Deswegen studiere ich auch American Studies. Als ich das meinen Freunden und dem BLUG-Team erzählt habe, war die Reaktion meistens dieselbe: „Warum live? Clinton gewinnt doch sowieso!“ Einige haben tatsächlich gelacht, als ich meine Befürchtung äußerte, Trump würde die Wahl gewinnen. Die Fachgruppe Englisch hat eine Wahlnacht organisiert. Also gehe ich da hin.

Die Menge ist, wie erwartet, pro-Clinton . So wie ich. Wenn Leute hier auf einen Trump-Sieg hoffen, halten sie sich zurück. Die meisten Zuschauer studieren am Englischen Seminar. Ich kenne sie aus meinen Kursen und sie alle erwarten, am Ende der Nacht die erste Präsidentin der USA zu sehen. Wenn ich sie frage, warum sie für Clinton sind, ist die Antwort meistens dieselbe: „Trump ist unfähig!“; „Er ist homophob, gegen Muslime, gegen Mexikaner!“; “Er ist dumm, ein Lügner, sexuell übergriffig!”. Clinton hingegen ist zwar eine Karrierepolitikerin, aber Trump offensichtlich keine Alternative. Aber, darin sind sich hier alle einig, sie wird gewinnen und die Agenda der letzten Präsidentschaft weiterführen. Die erste Präsidentin der USA!“ Zu dieser Zeit kann sich außer mir niemand einen anderen Ausgang vorstellen.

Vor dem Hauptevent der Wahlauszählung hat die Fachgruppe Vorträge organisiert. Zum Beispiel über dieses sogenannte „Electoral-College“, die Basis des demokratischen Prozesses der USA. Ein kompliziertes System, das für die meisten nicht Amerikaner höchstens alle vier Jahre relevant wird (Eine kurze Videoeinführung dazu gibt es hier).

00:00 Uhr  CNN verkündet die ersten Ergebnisse. Die ersten Counties fallen an Donald Trump, aber keiner macht sich Sorgen. Counties sind noch nicht wichtig und den Vorhersagen nach hat Clinton einen sicheren Vorsprung.

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2:00 Uhr Clinton führt in Florida. Trump führt in den „electoral votes“. Keiner macht sich Sorgen. Selbst wenn Florida rot – also republikanisch – bleiben sollte. Clinton wird Trump besiegen, indem sie in den traditionell demokratischen Staaten gewinnt. Sobald die westlichen Staaten ausgezählt sind, wird Trumps kleiner Vorsprung verschwinden! Ich treffe Anne Marie Besset. Sie ist von „Democrats Abroad“. Wir reden über die Nacht und sie ist begeistert, wie viele Leute hier sind. Wird Trump gewinnen? „Das wäre fürchterlich“, sagt sie. Aber glauben tut sie es nicht. Sie hat Schilder für alle mitgebracht: „Love Trumps Hate“. Jetzt wirkt es wirklich wie auf einer Wahlparty der Demokraten, die wir sonst nur aus dem Fernsehen kennen. Die Stimmung ist hervorragend.

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3:00 Uhr Warum führt Trump noch immer? Warum ist das Rennen in vielen Staaten so knapp? Ach ja! Die wichtigen Counties sind noch nicht ausgezählt. Das ganze Rennen wird sich sicher bald verschieben. Es muss. Die USA würden niemals Trump wählen, oder? Oder?

4:00 Uhr Die Leute sind müde. Einige sitzen hier seit mehr als acht Stunden. Ein paar gehen nach Hause. Trump führt mit 149 zu 109 electoral votes. Wenige trauen sich zu fragen: Kann das wirklich passieren? Die nächsten Ergebnisse kommen rein. Trump führt jetzt mit 167 electoral votes. Frustration macht sich breit. Einige zünden sich reihenweise Zigaretten an. Ich auch.

5:00 Uhr Clinton gewinnt in Kalifornien und führt damit zum ersten Mal in dieser Nacht! Endlich! Etwas läuft nach Plan. Es ist ein willkommener Energieschub für diejenigen, die noch da sind. Aber eine halbe Stunde später holt Trump Florida und hat jetzt über 200 electoral votes. Damit ist er fast am Ziel. Langsam sickert es durch: Clinton fehlen die nötigen Stimmen. Die unentschiedenen Staaten favorisieren Trump. Er liegt überall eindeutig in Führung. Kann das wirklich passieren? Resignation. Depression. Verleugnung. Sie kann es noch schaffen! Sogar die CNN-Reporter sind überrascht. Bislang ging ihre Berichterstattung von der Annahme aus, Trump müsse etwas beweisen. Nun wendet sich das Blatt und Clinton ist in Schwierigkeiten. Verhandlung. Sie suchen noch immer einen Weg, wie sie noch gewinnen könnte, aber langsam wird klar, dass es nicht passieren wird.

6:30 Uhr Wir müssen gehen. Die Räume müssen für die Kurse aufgeräumt werden. Trump wird gewinnen. Als wir unsere Sachen und Kinnladen vom Boden aufheben, seh‘ ich mich im Raum um. „Love Trumps Hate“ und „I’m with her“-Banner liegen überall verteilt. Ein zynischer Anblick. Erschöpfung wird von Schock abgelöst, welcher sich lange nicht legen wird. „Was eine Enttäuschung“, sagt Anne Marie. Für die meisten von uns ist das die Untertreibung des Abends.

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Ich gehe schlafen. Als ich aufwache ist Donald J. Trump offiziell der gewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Twitter, Facebook, Instagram und mein WhatsApp laufen mit geschockten Nachrichten über. Zurück am Campus kann ich leicht erkennen, wer die Nacht durchgemacht hat. Sie sind wie in Trance, die nur manchmal abgelöst wird, von dem Versuch, zu verstehen was passiert ist. Die Fragen kommen, Schuld wird zugewiesen. War es das FBI? Haben die E-Mails Clinton doch noch das Genick gebrochen? Sind Vorhersagen nicht mehr vertrauenswürdig? Was passiert jetzt? Ich wollte nie, dass das passiert. Aber die Realität ist, dass wir jetzt in einer Welt leben, in der schockierend viele Menschen Donald Trump zu ihrem Präsidenten gewählt haben. Viele wollten es nicht glauben. Wollten nicht glauben, dass die Frustration unter den US-Wählern hoch genug sein könnte, um für ihn zu stimmen. Recht zu behalten war noch nie so unbefriedigend.

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Thorge Beilfuß, Student der Amerikanistik und Philosophie, lebt seit 2011 in Göttingen. Neben dem Studium begeistert er sich besonders für das filmische Medium. 2016 ist er dann zum BLUG dazugestoßen und freut sich, seinen Blick auf Göttingen nun mit dem geschriebenen Wort Ausdruck zu verleihen.

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