Die Spuren des Fürsten der Mathematik

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Mit diesen Anekdoten und Insidertipps kannst du beim nächsten Besuch deiner Eltern den obligatorischen Stadtrundgang aufpeppen.

Erfinder des elektronmagnetischen Telegraphen, Beweis der Konstruierbarkeit eines Siebzehnecks, Definition der Normalverteilung, Coverboy des alten 10DM-Scheins – die Liste seiner Errungenschaften ist lang. Carl Friedrich Gauß war ein bahnbrechender Naturwissenschaftler und einer der bekanntesten Söhne der Georgia Augusta (die immernoch im Besitz seines Gehirns ist. Kein Scherz). Gründe gibt es also genug, einmal auf den Spuren des „Fürsten der Mathematik“ durch Göttingen zu spazieren.

Die Geschichte von Carl Friedrich Gauß in Göttingen ist lang. Doch wo nimmt sie ihren Anfang? Nicht im mathematischen Institut, nicht in der Sternwarte, sondern am C&A-Geschäft in der Weender Straße. In einem Vorläufer dieses Gebäudes wohnte der 18-jährige Carl-Friedrich, als er sein Studium an der noch jungen Georgia Augusta aufnahm.
Geboren in ärmlichen Verhältnissen 1777 in Braunschweig kommt Gauß 1795 dank adeliger Förderer nach Göttingen. Die Bibliothek hat es ihm vom ersten Moment an angetan. In einem Brief an seinen Braunschweiger Professor Eberhart von Zimmermann schrieb Gauß: „Ich habe die Bibliothek gesehen, und ich verspreche mir davon einen nicht geringen Beitrag zu meiner glücklichen Existenz in Göttingen.“ Doch das erste Buch, das Gauß damals nachweislich ausgeliehen hat, hatte nicht viel mit einer wissenschaftlichen Abhandlung zu tun: Simon Richardsons „Clarissa“, ein Groschenroman erster Güte, war das erste Bibliotheksbuch seiner Wahl.

Ruf doch gleich mal zuhause an und erzähle, dass dieser Spruch irgendwie komisch ist… Das Telegraphen-Denkmal vor der alten SUB.

Auf dem kleinen Hof zwischen Paulinerkirche und dem historischen Gebäude der SUB erinnert heute ein Kunstwerk an eine der größten Errungenschaften des Mathematikers: auf einen Bronzequader ist der (kurze und prägnante und überhaupt nicht gekünstelt wirkende) Spruch „Ruf doch gleich mal zuhause an und erzähle, dass du gerade an dem Ort bist, an dem in Göttingen 1833 die erste elektromagnetische Telekommunikation stattgefunden hat. Und dass du gerade selbst ausprobiert und nacherlebt hast, wie umständlich es damals war!“ in 26 verschiedenen Sprachen angebracht. Sogar auf Alt-Klingonisch. Dieser Block markiert, gemeinsam mit seinem Gegenstück an der neuen Sternwarte, den Anfang und Endpunkt der ersten elektromagnetischen Telegraphenleitung.

Zwei Genies unter sich: Das Gauß-Weber-Denkmal auf dem Wall.
Zwei Genies unter sich: Das Gauß-Weber-Denkmal auf dem Wall.

1833 hatten Gauß und sein Kollege Wilhelm Weber Kupferdrähte durch die Innenstadt gespannt – von der Paulinerkirche bis hin zur neuen Sternwarte. Viereinhalb Minuten dauerte die erste Datenfernübertragung. „Wissen vor meinen, meinen vor scheinen“ war die erste Nachricht, die sich die Wissenschaftler mithilfe eines Morse-Code-ähnlichen Alphabets übermittelten. Den Wissenschaftlern zu Ehren findet sich noch ein weiteres Denkmal im Süden der Innenstadt: Das Gauß-Weber-Denkmal auf dem Wall. Die bisher jüngste Hommage an Weber und Gauß wird zudem immer dann sichtbar, wenn sich die Dunkelheit über die Innenstadt legt. Aus Richtung der Sternwarte wird ein grüner Laserstrahl auf die Johanniskirche geschossen. Für all die Dechiffrier-Freaks unter uns ist dieser Laserstrahl ein besonderes Schmankerl: der Laser übermittelt, verschlüsselt in Gauß/Webers Telegraphenalphabet, wechselnde Nachrichten an alle Göttinger mit Schlafstörungen und einer Schwäche fürs Code-Knacken.

Doch die Telekommunikation lag für Gauß 1807 noch in weiter Ferne. In diesem Jahr, er hatte inzwischen promoviert, geheiratet und eine Professur für Astronomie an der Uni erhalten, zog er mit seiner Frau Johanna Ostoff in seine erste eigene Göttinger Wohnung an der Ecke Groner Straße und Düstere Straße, später ein Haus in der Kurzen Straße. Heute die Wiege des neu entstehenden KuQua, war die Gegend damals nicht die beste Adresse der Stadt. Vor allem nicht für einen Professor.

Familie Gauß was in the house! Das Wohnhaus von Gauß und Familie in der Kurzen Straße.

Doch Gauß schien das wenig zu interessieren: Wissenschaftler durch und durch, wählte er seine Wohnorte nicht nach Prestige, sondern aufgrund ihrer Nähe zum damaligen Turmobservatorium an der ehemaligen Stadtmauer und der neuen Sternwarte, die eigens für den bekannten Astronomen errichtet wurde. Von 1816 an lebte und arbeitete Gauß in dem Observatorium, das im 19. Jahrhundert noch weit außerhalb der Universitätsstadt stand.

Ich seh den Sternenhimmel… Die neue Sternwarte war Gauß’ Lebensmittelpunkt.

Von dort zu seiner letzten Ruhestätte ist es nicht weit: 1855 verstarb Gauß im Alter von 77 Jahren. Sein Grabmal steht noch heute im Cheltenham Park. Es ist die letzte greifbare Spur, die der Fürst der Mathematik in Göttingen hinterlassen hat, doch seine Forschung und Innovationen sind auch weiterhin wichtiger Bestandteil der naturwissenschaftlichen Arbeit auf der ganzen Welt.

 

 

 

 

 

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