Ich kann nicht rechnen, ich kann nur Mathematik

Quelle: Isabel Winarsch, Deutsches Theater Göttingen.
Quelle: Isabel Winarsch, Deutsches Theater Göttingen.

„Erste Dimension: ein Strich. Zweite Dimension: ein Blatt Papier. Dritte Dimension: ein Würfel. Vierte Dimension: unvorstellbar.“ Sofja sitzt im Zuschauerraum und philosophiert über die Wissenschaft. „Entdecken wir Mathematik oder wird sie von uns geschaffen?“ Sie lässt die Frage im Raum stehen, geht auf die Bühne und wir werden ins St. Petersburg der 1860er zurück katapultiert. Das wissenschaftliche Leben von Sofja Kowalewskaja war kurz, aber bedeutsam. Das Deutsche Theater (DT) hat sich nun dessen angenommen und erzählt in „Sofja – Revolution of a Stare Body“ vom Leben einer beeindruckenden Frau, die auch an der Göttinger Universität ihre Spuren hinterlassen hat.

„Ich kann Mathematik betreiben. Munter, immer weiter und alles andere vergessen.“, erzählt Sofja auf der Bühne des DT2. Und das tut sie: unbeeindruckt von Kriegswirren, Liebesbeziehungen und Revolutionen hockt sie inmitten ihrer Aufzeichnungen, immerzu vor sich hin flüsternd, nur Augen für Gleichungen und Variablen. Das Leben ihrer Freunde und Weggefährten kann nur flüchtig ihre Aufmerksamkeit gewinnen.
Wie viel Fiktion hinter dem Stück der Autorin Anne Jelena Schulte, das speziell vom DT in Auftrag gegeben wurde, steckt? Wahrscheinlich viel. Auf der Bühne sitzt Sofja (Christina Jung) in einem fluoreszierenden, drehbaren Würfel inmitten ihrer Aufzeichnungen während sich die Handlung um sie herum in einem Eiltempo entfaltet. Schultes Stück ist ruhelos. Nicht nur den Schauspielern, sondern auch dem Publikum wird einiges an Denkarbeit abverlangt.

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Vier junge Menschen, ein Ziel: Raus in die Welt! Dafür heiratet man dann auch mal. Quelle: Isabel Winarsch, Deutsches Theater Göttingen.

Doch vor allem bei der Genialität und Beharrlichkeit der Mathematikerin musste nicht viel dazu gedichtet werden. Bereits 1865 wird der 15-jährigen Sofja ihr mathematisches Talent attestiert. Vier Jahre, die Schließung einer Scheinehe (eine unverheiratete Frau an einer Universität? Der erste Schritt zum Sittenverfall!) und eine wohl dosierte Ladung Frauenfeindlichkeit später kann Sofja ein inoffizielles Studium der Mathematik und Naturwissenschaften an der Universität in Heidelberg beginnen. Nach wenigen Semestern zieht es sie nach Berlin, eine Promotion bleibt ihr dort jedoch dank ihres Geschlechts und trotz des Fürsprechens des berühmten Mathematikers Weierstraß verwehrt. Und so kommt die Georgia Augusta ins Spiel. 1874 promoviert Sofja, gemeinsam mit ihrer Freundin und Chemikerin Julia Lermontowa, als erste Frau in der Mathematik in absentia (d.h. ohne mündliche Prüfung) an der Georg-August-Universität – nachdem sie nicht nur eine, sondern drei Dissertationen (über partielle Differentialgleichungen, die Saturnringe und über elliptische Integrale – kann man ja mal machen) eingereicht hat.

Aber auch ein Doktortitel kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sofja eine Frau ist. Die Lehrtätigkeit wird ihr sowohl in Deutschland als auch in Russland untersagt. In Stockholm wird ihr nach zehn Jahren schließlich eine Privatdozentur angeboten. 1889 erhält sie dort nach der Veröffentlichung ihrer bahnbrechenden Arbeit ,,Über einen besonderen Fall des Problems der Rotation eines schweren Körpers um einen festen Punkt” schließlich als erste Frau eine Mathematik-Professur.
„Ich kann nicht rechnen, ich kann nur Mathematik“, sagt Sofja auf der Bühne des DT. Doch das ist nicht alles. Sie war eine derjenigen, die jungen Frauen den Weg in die Wissenschaften und die Universitäten dieser Welt geebnet hat. Und jetzt ist sie auch nach Göttingen zurückgekehrt.

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