Ein Nachmittag unter Primaten

Rhesusaffen sind keine Kuscheltiere
Rhesusaffen sind keine Kuscheltiere

 

Rhesusaffen sind keine Kuscheltiere. Foto: K. Fahrner, Quelle: Deutsches Primatenzentrum
Rhesusaffen wie Valeskas Zorro sind keine Kuscheltiere. Foto: K. Fahrner, Quelle: Deutsches Primatenzentrum

“Wenn mich jemand nach meinem Beruf fragt, erwarte ich kein Verständnis. Ich möchte nur, dass sich mein Gegenüber die Zeit nimmt, mich erklären zu lassen”, sagt Valeska Stephan. Als Postdoc am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) führt sie Versuche an Rhesusaffen durch. Das Institut hat in diesem Jahr sein vierzigjähriges Jubiläum und akzentuiert in einer aktuellen Ausstellung seine primatenbiologische Forschung. Diese nahm ich zum Anlass, mir endlich selbst ein Bild vom DPZ zu machen und mit Valeska über ihren Beruf zu sprechen. Hintergrundinfos zu den Exponate von “Primaten” lieferte mir die DPZ-Pressesprecherin Dr. Susanne Diederich bei einem Rundgang. Dort gibt es einiges über unsere nahen Verwandten zu lernen und Versuchs-Equipment zu sehen, dass die DPZ-Wissenschaftler in die Savanne oder den Regenwald begleitet hat.

Von sensiblen Ausstellungsstücken und Expeditionen in den Amazonas

“Gehen wir in den unter den Kollegen beliebtesten Raum der Ausstellung”, fordert mich Dr. Diederich auf. Tropenklänge und Schummerlicht setzen dort südamerikanische Affenarten in Szene – und schaffen eine entspannte Pausen-Atmosphäre für die Biologen. Thematisiert wird damit die DPZ-Feldstation im peruanischen Amazonas. “Die Dermoplastik dieses Schwarzen Kapuziners ist aus dem 18. Jahrhundert, da darf kein UV-Licht dran” erklärt mir die Pressesprecherin. Eine ihrer Kolleginnen schlüpft hinter die Absperrung und liest mir das genaue Jahr vom Sockel vor: 1758, da möchte man kein Risiko eingehen!

Weitere Feldstationen gibt es auf Madagaskar, im Senegal und in Thailand. “Unsere Biologen engagieren sich sehr in den Herkunftsländern der Primaten”, sagt Dr. Diederich. Schließlich sind über 60 Prozent aller Affenarten bedroht! Die Forscher verhandeln vor Ort über die Einrichtung von Schutzgebieten, arbeiten mit Park-Rangern zusammen und betreiben Aufklärung in Schulen. Durch Zusammenarbeit mit dortigen Universitäten kommen Studierende für Praktika und Co. an das DPZ. Vice versa können Studierende der Biologie aus Göttingen bei den Forschungstrips dabei sein, etwa Material für ihre Bachelorarbeit auf Madagaskar sammeln. Was die Wissenschaftler dabei über die Primaten herausfinden möchten und was sie anstellen, um an neue Erkenntnisse zu gelangen, verrät euch die Ausstellung.

Flauschiges Versuchsmodell für Innenohrimplantete: Weißbüschelaffen. Foto: A. Säckl, Quelle: Deutsches Primatenzentrum
Flauschiges Versuchsmodell für Innenohrimplantete: Weißbüschelaffen. Foto: A. Säckl, Quelle: Deutsches Primatenzentrum

Später stehe ich in der Cafeteria vor einer Scheibe vis-à-vis mit Weißbüschelaffen. Neben mir sagt Valeska: “Unfassbar süß, müffeln aber leider.” Ersterem kann ich nur zustimmen – wie sie mir so mit schief gelegten Köpfchen die kleine Zunge rausstrecken und mich aus Knopfaugen unverwandt ansehen. Was den Geruch angeht: Nehmt doch bei Gelegenheit mal eine Nase an dem orangenen Plastikbecher des Duft-Exponats daneben!

Die kleinen Primaten klettern unentwegt an den Seilen, Ästen und Co. im Schaukäfig umher. “Sie brauchen viel sogenanntes Enrichment, damit sie ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben können”, sagt Valeska. An diesen Affen werden im DPZ in Zusammenarbeit mit der Universitätsmedizin unter Anderem sogenannte Cochleaimplantate, also Höhrimplantate, weiterentwickelt. Valeska hingegen misst mit Elektroden die Aktivität bestimmter Hirnareale von Rhesusaffen, um deren Beteiligung an der visuellen Wahrnehmung zu ergründen. Sie ist fasziniert von ihrer Forschung: “Ich höre gewissermaßen dem Gehirn beim Denken zu – echt irre!” Nur auf Partys belässt sie es manchmal lieber dabei zu sagen, sie sei Biologin.

Was es bedeutet, Versuche an Primaten durchzuführen

Valeska arbeitet seit ihrer Diplomarbeit, also inzwischen seit etwa zehn Jahren, am DPZ. Schon während des Studiums hat sie für die Neurowissenschaften gebrannt und die Unabdingbarkeit des Einsatzes von Versuchstieren war ihr bewusst. Wie das in der Realität abläuft, wollte sie durch ein Praktikum am DPZ herausfinden. “Mein Betreuer hat von Anfang an klargestellt, wie wichtig Respekt und Verantwortung gegenüber den Tieren sind”, erzählt sie. Nach dieser Erfahrung dachte sie sich: “Ja, das kann ich machen.”

Was ich vor dem Gespräch mit Valeska nicht wusste: Die Doktoranden arbeiten über die Jahre mit ein und denselben Primaten zusammen. Sie assistieren bei jeder, an ihren Tieren vorgenommenen OP und bleiben im Anschluss für 24 Stunden bei ihnen. Geht es den Tieren einmal schlecht, bekommen sie egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit einen Anruf vom Tierpfleger und machen sich auf den Weg, um mit ihrem Primaten auf den Tierarzt zu warten.

“Ja, du entwickelst eine Bindung zu deinen Tieren, das bleibt nicht aus”, sagt Valeska. Schließlich sehen sie die jeden Tag, sie haben alle einen Namen. “Aber man muss sich klarmachen: Sie sind keine Haustiere und sie haben eine Aufgabe”, so Valeska weiter. Nach einem abgeschlossenen Projekt steht dann die Frage im Raum: “Gibt es für den noch etwas zu tun?” Und ja, es sind auch schon Kollegen mit dieser Verantwortung nicht zurechtgekommen. Für ihren Lieblings-Rhesusaffen Zorro konnte Valeska nach ihrer Doktorarbeit ein Folgeprojekt finden und besuchte ihn weiterhin jeden Tag. “Ich mochte seine dicklich, gemätliche, grummelige Art. Nudeln hat er besonders geliebt”, erzählt sie.

Die Neurobiologin Valeska Stephan vor dem Primaten-Stammbaum
Die Neurobiologin Valeska Stephan vor dem Primaten-Stammbaum im DPZ-Foyer

Im Entrée des DPZ überträgt ein Display die Live-Aufnahmen einer Webcam im Rhesusaffen-Außengehege. Die Kamera ist übrigens schon die Zweite – ihre Vorgängerin hatte die Neugier der Affen nicht überlebt. “Guck dir die Drei da an: Die betreiben gerade das Grooming, von dem ich dir erzählt habe“, sagt Valeska. Diese für Primaten typische Verhaltensweise der gegenseitigen Fellpflege stärkt Freundschaften und legt soziale Ränge fest. “Wusstest du eigentlich, dass Rhesus-Makaken 2007 den Tod vom Vize-Bürgermeister von Neu-Delhi verursacht haben?“, fragt sie mich dann. Ihre Affen mit den langen Zähnen sind nicht zu unterschätzen. “Ihnen direkt ins Gesicht zu lächeln, kommt beispielweise gar nicht gut“, sagt sie. Von Urlaubsfotos mit den Exemplaren in Indien rät sie ab!

It’s your turn!

Endlich bin ich mal dagewesen – im DPZ! Die Ausstellung zeigt die wunderbare Vielfalt der nicht-menschlichen Primaten, mit denen wir so viel gemein haben. Mir wurde bewusst, dass ein großer Anteil der Forschung am DPZ auch deren Schutz gewidmet wird – und nicht nur dem Menschen dient. Zusätzlich hinterließ der Besuch bei mir das gute Gefühl, dass dort Menschen arbeiten, die für ihre Sache brennen, für sie ehrlich einstehen und sie verantwortungsbewusst ausüben. Ich habe mich etwas im Bekanntenkreis umgehört: Unter den Biologen waren schon einige dort, andere eher weniger. Also, wie sieht es mit euch aus?

Info:

Die Ausstellung ist deutschsprachig – Führungen sind aber auch auf Englisch möglich. Ihr könnt “Primaten” noch bis zum 28. Februar 2018 von Montag bis Donnerstag zwischen 9 und 16 Uhr besuchen: Spaziert dazu einfach in’s Foyer des DPZ.

Ihr wollt mehr über unsere nächsten Verwandten erfahren? Heute um 17 Uhr spricht Verhaltensökologe Dr. Oliver Schülke über den Ursprung von Freundschaft und Kernfamilie im Hörsaal am DPZ.
Mehr Infos findet ihr hier.

 

 

 

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