Wie der Selbstbetrug beginnt

klausurenphase

Der Jahresanfang ist mittlerweile ziemlich lange her und unsere guten Vorsätze schimmern nur noch dunkel, in irgendeiner Besenkammer unseres Gehirns. Wenn wir sie nicht längst begraben haben. Im Januar ist das Jahr noch ein jungfräulich weißes Blatt, auf das wir mit Bleistiftlinien ein Imperium zeichnen. Auslandsreisen, neuer Job oder ein besserer Mensch werden, noch ist alles drin. Inzwischen ist Juli und wir haben keine edlen Vorsätze mehr, an die wir uns in der Klausurenphase klammern könnten. Um trotzdem durchzukommen, räumen wir mit unseren Lügen auf! Nein, wir werden auch nächstes Semester nicht alle unsere Texte lesen. Wir werden uns nicht aktiver beteiligen. Und höchstwahrscheinlich werden wir die 3000 Fitnesskurse, die wir belegen, nicht alle besuchen. Schluss mit diesem Selbstbetrug. Es endet nur in Tränen, Schnaps und dem alljährlichen: „Was mache ich hier eigentlich?!“ Als Gegenmittel hilft nur die Einsicht. Hier fünf Lügen-Klassiker, bevor es ans Lernen geht:

  1. Ich habe noch genug Zeit, mir die Texte durchzulesen. Kaum eine Lüge ist gefährlicher. Man schiebt den Papierberg so lange vor sich her, bis seine einzige Funktion der potenzielle Strick ist, den man sich daraus basteln könnte.
  2. Die Wohnung müsste dringend mal wieder geputzt werden. Auch wenn der Wischmop noch nie so verlockend aussah wie zu Prüfungszeiten, die Liebe ist nicht echt. Er ist nur ein billiges Alibi, eine nasskalte Ablenkung, nach der alles reiner ist, nur dein Gewissen fühlt sich dreckig.
  3. Bei einem Sprachkurs für Anfänger durchzufallen ist unmöglich. Alles ist möglich, wenn man nur will. So reizvoll es auch ist, sich mit einer Tüte Tortilla-Chips und Guacamole vor den Laptop zu hauen und eine Folge „Narcos“ auf Spanisch mit Untertiteln zu gucken, es reicht nicht. Man nimmt keine Vokabeln mit Guacamole auf, auch nicht mit spanischer.
  4. Nur noch ganz kurz Facebook checken. Egal, wie nett Mark Zuckerberg klingt, er ist ein Drogenbaron und hat eine Armee von Süchtigen geschaffen. Social Media ist überall und selbst in der Bibliothek schreit der innere Aufmerksamkeitsneurotiker nach Luft. Jede zäh-quälende Minute vor den Büchern ist Langeweile, die sich nur als Posting-Potenzial ertragen lässt. (Sitze in der Bib und langweile mich. #Bib#Langeweile) Jeder Absatz, den man liest,  noch ein verpasstes Tiervideo, das nie zurückkommt. Also nur gaaanz kurz… Leider ist Facebook kein Schnellimbiss, es ist Running Sushi. Und in Erwartung auf den nächsten Happen liegen wir nach zwei Stunden mit dickem Bauch in der Ecke und verfluchen alle Japaner.
  5. Belohnung muss sein. Ich arbeite jetzt diese Folien durch und dann gucke ich eine Folge bei Netflix. Nur eine ganz kleine. Noch diese Seite, dann habe ich mir das verdient. Man kann sich ja nicht tot arbeiten. Der Mensch braucht auch mal eine Pause. Was bildet sich die Uni überhaupt ein, mir zu sagen, wann ich was verdiene? Ist das hier ein Stasi-Überwachungs-Staat? Ich werde jetzt eine Folge bei Netflix gucken JETZT. Pah! Die Folien können sehen wo sie bleiben. Ich werd´ ja wohl noch selber entscheiden können, wann ich was mache. Ich gucke jetzt eine Folge, eine ganz kleine und wenn mir dann nach noch einer ist, dann ist das eben so. Die blöden kack Folien bringen mir eh nichts und überhaupt, scheiß Honecker!

Die gleichen Lügen jedes Mal. Aber nicht dieses Jahr, dieses Jahr nicht! Wir stellen uns dem Feind und greifen an. Diesmal werden wir uns nicht selbst betrügen, es wird nämlich alles besser. Wir werden klüger sein und unsere Vorsätze einfach austricksen. Wozu brauchen wir die überhaupt? Es ist ja nichts Schlimmes an so ein bisschen Lernen und Stress. Es wird dieses Mal schon besser klappen, ganz bestimmt. Und wenn nicht, wissen wir ja, wo der Schnaps steht.

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