„Wir haben etwas hinterlassen“

Diese Geschichte beginnt mit viel Platz. Und einem Freiraum, der bisher ein tristes Dasein fristete. Irgendwo zwischen den kleinen Wohnhäusern und den angrenzenden Grünflächen sollte er der Gemeinschaft dienen, das Zusammenleben im Wohnheim „Studentendorf“ angenehmer machen.Zwei Studierende haben dort in Eigenregie den „Dorfladen“ aufgezogen, um ihre KommilitonInnen immer sonntags mit frischen Brötchen zu versorgen.

Klingt spannend! Doch was würde mich dort erwarten? Ich kenne selbstverwaltete Wohnheime und auch Freiräume in der Uni wie das „Autonomicum“ im Blauen Turm. Ein gemütlicher Raum zum Abhängen mit dem Charme einer Antifa-Teestube.

Mein erster Eindruck als ich mir den „Dorfladen“ anschaue: Professionell. Der Raum ist gemütlich eingerichtet. Es gibt eine Sitzecke mit einem kleinen Tisch, ideal zum Frühstücken, für einen Kaffee oder einfach bloß zum Quatschen. An einem kalten Sonntagmorgen im Januar ist der „Dorfladen“ bis auf den letzten Platz gefüllt, im Hintergrund läuft elektronische Musik. Wenn man die Studierenden fragt, was sie am „Dorfladen“ schätzen, nennen sie die angenehme, lockere Atmosphäre und die Möglichkeit, vor Ort, in „ihrem“ Wohnheim, frische Brötchen oder – für die RaucherInnen – auch Filter und Blättchen zu bekommen.

Doch wie kam es zu diesem Projekt? Die Initiatoren sind Jan Voigt, 24, und Adrian Vieweg, 24, beide Studierende und Bewohner des Studentendorfes. Sie schätzen das Leben in ihrem Wohnheim. „Es gibt hier eine aktive studentische Selbstverwaltung“, sagt Adrian. Die Studierenden haben die Möglichkeit, sich in sogenannten Tutorien einzubringen. Die BewohnerInnen bieten Tanzkurse an, haben eine eigene Fahrradwerkstat – und seit einem Jahr den „Dorfladen“. Jeden Sonntag von zehn bis 13 Uhr öffnen Adrian und Jan im Semester der Verkaufsraum. „Hier hat sich etwas entwickelt“, sagen sie.

Support your local „Dorfladen“: Jan und Adrian präsentieren ihre entworfenen Logos

Bevor Adrian und Jan neues Leben in den „Dorfladen“ gebracht haben, wurde der Raum kaum genutzt. „Die Öffnungszeiten waren unregelmäßig und viele Studierende wussten gar nicht, dass es den Laden gibt“, sagt Adrian.

Die beiden haben sich Gedanken gemacht, ein Konzept entwickelt – und überlegt, was im Studentendorf noch fehlt. Ihre Ideen haben sie – ganz basisdemokratisch – in der „Dorfversammlung“ vorgestellt. Und schon konnten sie loslegen.

Das Coole am Dorfladen ist, dass es den beiden nicht um persönliche Vorteile geht, sondern darum, das Leben im Wohnheim angenehmer, besser, schöner zu machen. Und sie haben Ausdauer bewiesen: Ein Jahr lang, jeden Sonntag, öffnete der Dorfladen.
Geradezu mickrig erscheint mir mein eigenes Engagement: Sowohl in der Hochschulpolitik als auch bei Gruppen an der Fakultät habe ich immer nach wenigen Wochen das Interesse verloren.

Für Jan und Adrian ging es im April 2015 los, damals öffnete der Dorfladen zum ersten Mal seine Türen. Der Anfang verlief etwas schleppend. „Wir saßen vormittags auch manchmal ohne Kundschaft hier“, erzählt Jan. Die ersten Semesterferien haben die beiden genutzt, um den Laden zu renovieren. Ein kleiner Schreibtisch wurde gebaut, im Raum gestrichen und lackiert. „Jetzt hat der Raum mehr Flair, damit die Leute länger bleiben“, sagen sie.

Um den „Dorfladen“ bekannter zu machen, haben die beiden Studis Plakate gedruckt, Flyer verteilt und einen eigenen Facebook-Account angelegt. „Wir haben gesehen, dass Marketing sofort zu mehr Umsatz führt“, sagt BWL-Student Jan. Auf Facebook folgen dem Dorfladen 106 UserInnen. Immerhin.

Die Gewinne fließen direkt wieder in den „Dorfladen“. Doch mit Beginn des Sommersemesters heißt es für die beiden, Abschied zu nehmen von ihrem Projekt. Adrian verlässt Göttingen und Jan will sich seiner Bachelor-Arbeit widmen. NachfolgerInnen sind bereits gefunden. „Wir wollten, dass es Leute machen, die auch Spaß an der Arbeit haben“, sagen sie. „Und wir haben dem Dorf etwas hinterlassen, wovon es zehren kann“. Zum Abschluss gab’s noch eine kleine Party. Und auch wenn die beiden weg sind: mit dem „Dorfladen“ geht es – wie gewohnt – zum Start des Sommersemesters weiter. Jeden Sonntag von zehn bis 13 Uhr. Eine gute Nachricht für die Studis im Studentendorf.

 

Wichtig zu wissen: Der „Dorfladen“ ist eine Initiative für die Bewohnerinnen und Bewohner des Wohnheimes Gutenbergstraße. Er ist kein öffentliches Café und lediglich zum Weiterverkauf von Waren gedacht.

Wart Ihr schon im Dorfladen? Oder kennt Ihr weitere studentische Projekte in Euern Wohnheimen? Dann teilt sie uns mit!

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