Ziemlich beste Buddies

Ich treffe Nele und Deivyn an einem der ersten Frühlingstage im Botanischen Garten. Die Sonne scheint zögerlich, aber warm vom Himmel und um uns zwitschern die Vögel. Nele und Deivyn sind Buddies. Sie kennen sich nicht aus einem Seminar, nicht aus der O-Phase oder vom Hochschulsport, sondern Nele hat sich ehrenamtlich als Buddy gemeldet und wurde Deivyn zugeteilt, um ihm bei der Orientierung an der Uni zu helfen. Denn Deivyn kommt aus Kolumbien und ist Gasthörer an der Uni Göttingen.

Das Gasthörer*innen-Programm gibt es seit 2015. Die Uni rief es damals als Antwort auf die Ankunft zahlreicher Geflüchteter ins Leben, erzählt Maria Wöste, die Ansprechpartnerin für Flüchtlinge an der Uni Göttingen. Es richtet sich an Flüchtlinge, die in Deutschland anfangen wollen zu studieren oder ein Studium fortsetzen wollen. Die Gasthörer*innen besuchen kostenlos Lehrveranstaltungen, die sie sich dann anrechnen lassen können, sobald sie ein vollwertiges Studium aufnehmen. Die Zuteilung von Buddys, studentischen Begleiter*innen, war von Anfang an Teil des Programms. „Manchmal reichen Infoveranstaltungen nicht, besonders für den Studienalltag ist es wichtig, eine*n Ansprechpartner*in zu haben, den*die man im Kleinen fragen kann“, sagt Wöste. Zurzeit nehmen etwa 50 Buddies am Buddy-Programm teil und rund 70 Gasthörer*innen, die meisten davon aus Syrien, der Türkei und Iran.

Für Nele war das Programm vor allem eine Chance, Menschen aus anderen Kulturen zu kennenzulernen und dabei vielleicht noch etwas Gutes zu tun. Seit drei Monaten sind Nele und Deivyn nun Buddies, aber es wirkt, als seien sie schon ewig befreundet. Sie unternehmen viel zusammen, „was man halt so macht, wenn man befreundet ist.“ Am Abend vorher waren sie zusammen bei einer Soliküche, zu der Nele regelmäßig geht. „Inzwischen ist Nele kein Buddy mehr, sondern eine Freundin“, sagt Deivyn. Besonders gerne kochen sie gemeinsam. Nele isst vegan, Deivyn musste sich erst daran gewöhnen, aber dann haben sie gemeinsam Arepas gemacht, vegane Maisfladen, ein typisch kolumbianisches Gericht.

Laut Maria Wöste wird bei der Zusammenstellung der Buddy-Paare darauf geachtet, dass sie gemeinsame Interessen haben und sich ihre Studiengebiete ähneln. Die Buddies unterstützen die Gasthörenden bei bürokratischen Angelegenheiten an der Uni, bei ihrem Antrag auf den Gasthörer*innen-Status, beraten aber auch bei Kurswahl und Stundenplanzusammenstellung oder gehen mit zu Studienberatungsterminen.

Deivyn hat in Kolumbien Informatik studiert, dort auch schon als Informatiker gearbeitet, doch sein Abschluss wird in Deutschland nicht anerkannt. Daher besucht er nun über das Gasthörer*innen-Programm Veranstaltungen in Informatik. Nele hat gerade ihr erstes Semester Soziologie und Philosophie hinter sich, ihre Fachbereiche liegen also weit auseinander. Trotzdem verstehen sie sich gut. Bei der Studienorganisation muss sie ihm ohnehin wenig helfen, schließlich hat er schon ein Studium abgeschlossen. „Es ist etwas seltsam, auf einmal in der Position zu sein, jemandem helfen zu sollen, der älter ist und eigentlich schon viel mehr Erfahrung mit Studium und Arbeit hat“, erzählt Nele. Trotzdem sagt Deivyn, er sei froh zu wissen, an wen er sich wenden kann, wenn er eine Frage hat.

„Hoffnung“
Künstlerin Nagham Hammoush, Gasthörerin.

Vor allem aber sollen durch das Programm deutsche und Studierende aus dem Ausland in Kontakt miteinander kommen, sich kennenlernen und beide Seiten von diesem Austausch profitieren. „Flüchtling zu sein ist keine Identität, das ist von außen zugeschrieben. Im Gasthörer*innen-Programm können Geflüchtete wieder sie selbst sein, Studierende oder junge Leute, und so ein Stück Normalität zurückgewinnen“, erklärt Wöste. Durch den Kontakt zu den Buddies könnten sie außerdem ihr Deutsch verbessern, während die Buddies die Möglichkeit hätten, den traurigen Nachrichten und Bildern aus Syrien und anderswo etwas Positives, ihre Hilfe und Unterstützung, entgegenzusetzen.

Sich in einem Land zu integrieren, in dem man keine Freund*innen hat, ist unmöglich. Auch für Deivyn war es wichtig, Deutsche kennenzulernen, auch um die Sprache zu lernen. Ihm, der in der Millionenmetropole Bogotá gelebt hat, gefällt es gut in der Kleinstadt Göttingen, die voll ist von Studierenden und in der man überall mit dem Fahrrad hinfahren kann.

Das Buddy-Programm bietet auch Rahmenveranstaltungen, Workshops für beide Seiten, im Dezember gab es eine gemeinsame Weihnachtsfeier. Am Anfang hätte Nele sich allerdings etwas mehr Vorbereitung gewünscht, mehr Informationen dazu, wobei ihr Buddy eigentlich Unterstützung braucht. Trotzdem ist sie froh, mitgemacht zu haben. Denn Freund*innen, noch dazu welche, von denen man neue Rezepte lernen kann, kann man schließlich nie genug haben.

Hast Du Lust bekommen, auch Buddy zu werden? Das Gasthörer-Programm sucht grade! Füll einfach das Buddy-Formular aus oder komm am 11., 17. oder 24. April zum Infoabend für Buddies.

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Hanna Sellheim, 22, ist für den Master in Komparatistik von Berlin nach Göttingen gezogen. Egal wo, geschrieben hat sie schon immer und erkundet jetzt für den Blug den Göttinger Campus.

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