Der Praktikumsratgeber

Als ich als unbedarfte Drittsemesterin zum ersten Mal in meinem Studium ein Praktikum machen wollte, hatte ich viele Fragen:  Wie viele sind sinnvoll? Wo bewerbe ich mich am besten? Und wie? Wenn andere mir von ihren ganzen spannenden Praktikumsplätzen erzählten, war ich ziemlich eingeschüchtert und überfordert von den vielen Möglichkeiten. Inzwischen bin ich am Ende meines Studiums und habe in den vergangenen Jahren so einige Praktika durchlaufen, sodass ich euch hier ein paar Tipps geben kann, worauf ihr in den ganzen Irrungen und Wirrungen des Prozesses achten solltet, wenn es euch ähnlich geht wie mir. Sicherlich macht es Unterschiede, was ihr studiert und in welchem Feld ihr später arbeiten möchtet, deshalb sind die Tipps hier eher allgemein gehalten, um ein bisschen grundsätzliche Orientierung zu bieten.

Ganz allgemein ist ein Praktikum eine tolle Erfahrung: In ein paar Wochen lernt ihr die Arbeit in einem Betrieb kennen und könnt euch überlegen, ob ihr dort auch später einmal arbeiten wollen würdet. Ihr trefft im besten Fall nette Kolleg*innen und knüpft Kontakte für euer späteres Berufsleben. Doch ein Praktikum ist auch mit viel Stress verbunden: Die Bewerbung kostet Zeit, ihr müsst dafür die Semesterferien oder vielleicht sogar ein gesamtes Semester opfern und eventuell temporär in eine andere Stadt ziehen. Darum lohnt es sich, von Anfang an gut organisiert zu sein.

1. Das Timing

Es ist die bittere Wahrheit: Eine frühe Bewerbung ist der Schlüssel zum Praktikumsglück. Grundsätzlich gilt die Faustregel: Je größer und renommierter das Unternehmen, umso früher die Bewerbung. Begehrte Stellen werden üblicherweise ein Jahr und auch mehr im Voraus besetzt. Ich habe beispielsweise auch schon auf eine Bewerbung bei den Öffentlich-Rechtlichen Medien, die ich 11 Monate im Voraus geschickt hatte, eine Absage bekommen, weil mein gewünschter Zeitraum bereits vergeben war. Das Gleiche gilt für Stellen in Göttingen: Der Andrang auf die eher raren Praktikumsplätze in der Stadt ist groß, daher lohnt es sich, schnell zu sein. Und noch ein Tipp aus meiner Erfahrung: Bewerbt euch besser auf Praktika in den Wintersemesterferien als im Sommer – denn sonst landet dort ihr mitten im Sommerloch, die Hälfte eurer Kolleg*innen ist vielleicht im Urlaub und der Rest arbeitet auch nur sporadisch an mittelspannenden Projekten.

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2. Der richtige Platz

Doch bevor es losgehen kann, müsst ihr euch auf die Suche nach einem Praktikumsplatz begeben. Es gibt dafür verschiedene Möglichkeiten: Über Suchmaschinen oder fachspezifische Jobbörsen könnt ihr herausfinden, wo gerade Stellen für Praktikant*innen ausgeschrieben sind. Natürlich könnt ihr euch auch in eurem Umfeld umhören, ob ihr jemanden kennt, der*die jemanden kennt, der*die ein Praktikum zu vergeben hat. Außerdem ist es immer auch eine Möglichkeit, sich initiativ bei einem Unternehmen zu bewerben, das euch anspricht. Doch wie entscheidet man überhaupt, wo man als Praktikant*in unterkommen möchte? Ich kann euch aus meiner persönlichen Erfahrung nur raten, nur solche Praktika zu machen, die für euer späteres Berufsleben wirklich relevant erscheinen und an denen ihr tatsächlich interessiert seid. Denn Praktika sind aus verschiedenen Gründen eine anstrengende Angelegenheit: Zum einen arbeitet ihr Vollzeit zu einem in der Regel nicht sehr fürstlichem Gehalt (oder auch gar keinem, aber das ist ein anderes Thema), zum anderen kann es schnell fürchterlich langweilig werden, da für Praktikant*innen nicht immer besonders viele Aufgaben da sind und die anderen Mitarbeiter*innen sich auch nicht ständig um euch kümmern können. Um die teils recht sinnlos verbrachten Tage in euer Praktikant*innen-Ecke durchzustehen, müsst ihr das Ganze schon wirklich wollen. Denn arbeitet man an einem Ort, an dem es einer*m tatsächlich gefällt, wird es umso spannender, Einblicke in den Berufsalltag zu erhalten. Und auch wenn es sicher gut ist, umfangreiche Arbeitserfahrung zu haben, macht es sich im Lebenslauf wesentlich besser, wenn ihr zeigen könnt, dass ihr bei wenigen Praktika viel Einsatz gezeigt und gute Arbeit geleistet habt, als dass ihr in fünfzehn verschiedenen Unternehmen rumgehangen habt. Viele Fakultäten haben zudem Angebote, die euch dabei helfen, den richtigen Praktikumsplatz für euch zu finden, also werft ruhig auch einen Blick auf deren Website. In den Geisteswissenschaften gibt es beispielsweise ein ganz neues virtuelles Modul zur Berufsorientierung.

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3. Die Bewerbung

Eine Bewerbung ist immer eine tricky Angelegenheit. Die wichtigsten Sachen sind euch wahrscheinlich eh bewusst: Keine Fehler (lieber nochmal jemanden Korrektur lesen lassen, der*die fit in Orthographie ist), prägnantes Motivationsschreiben (nicht länger als eine Seite), relevanter Lebenslauf (nur die wichtigsten Stationen, nicht jeden kleinen Ferienjob auflisten). Je konkreter ihr auf die Stellenausschreibung bzw. die Spezifika des Unternehmens eingeht, umso besser, denn dann zeigt ihr genuine Motivation, dort mitzuarbeiten. Und: Allgemeinplätze à la „meine Stärken sind Kreativität, Teamfähigkeit, Effizienz und Kreativität“ besser vermeiden. Auch kann ich euch nur raten, euch vor dem Vorstellungsgespräch nicht verrückt zu machen, es aber auch nicht zu unterschätzen. Ihr solltet nicht nur über das Unternehmen gut informiert sein und in der Lage sein, euch selbst gut zu präsentieren, sondern auch nochmal das Allgemeinwissen auffrischen, das in eurem Feld wichtig werden konnte. Nachdem ich zum Beispiel einmal zu einem Bewerbungsgespräch bei einer Zeitung erschien und dort zahlreiche Fragen zu aktuellen Events in Politik, Wirtschaft und Sport (uff) gestellt bekam, die ich zum Teil nur mit Ach und Krach beantworten konnte und deshalb Glück hatte, die Stelle trotzdem noch zu bekommen, habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, mir vor Job-Interviews noch einmal relevante Entwicklungen, die in Verbindung mit meiner Arbeit stehen, in Erinnerung zu rufen.

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4. Die Integration ins Studium

Für viele Bewerbungen ist es entscheidend, ob ihr ein Pflichtpraktikum macht, das für euer Studium vorgesehen ist, oder ein freiwilliges. Das hat mit Dingen wie Versicherungsschutz und Gehalthöhe zu tun und kann zu einer ziemlich nervigen bürokratischen Hürde werden. Es ist daher sehr wichtig nachzuschauen, ob eure Prüfungsordnung ein Praktikum vorsieht und das auch in die Bewerbung zu schreiben. Manche Unternehmen verlangen eine Bescheinigung über das Pflichtpraktikum, manchmal reicht dafür ein Scan aus der Prüfungsordnung, manchmal müsst ihr eure*n Fachstudienberater*in bitten, euch eine auszustellen. Wichtig ist auch nachzuschauen, wie viele Stunden euer Praktikum umfassen soll, um anrechenbar zu sein, und ob ihr einen Praktikumsbericht anfertigen müsst. Auch bei bestimmten Zertifikatsprogrammen ist ein Praktikum Pflicht. Es bietet sich natürlich an, die freie Zeit in den Semesterferien zu nutzen, um ein Praktikum zu absolvieren. Doch diese Zeiträume sind aus offensichtlichen Gründen stark nachgefragt, sodass ihr möglicherweise auf die Vorlesungszeit zurückgreifen müsst. Da sich ein Vollzeit-Praktikum eher selten mit dem normalen Studiums-Workload vereinen lässt, lohnt es sich nachzuschauen, ob ihr ein Urlaubssemester einlegen könnt, damit euch die verpasste Zeit nicht auf die Regelstudienzeit angerechnet wird. Mehr Infos bekommt ihr bei der InfoLine oder auf den Seiten der Uni Göttingen.

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5. Das Ausland

Wenn ihr für euer Praktikum das Land verlassen möchtet, ändert sich am Bewerbungsprozess nicht viel, allerdings solltet ihr eure Unterlagen an die Gepflogenheiten im jeweiligen Land anpassen. Außerdem kommen einige bürokratische Hürden wie – außerhalb der EU – Visa- und Arbeitserlaubnis hinzu, mit denen ihr euch rumschlagen müsst. Auch dazu findet ihr aber Informationen beim Career Service.

6. Der gute Eindruck

Der erste Praktikumstag ist wie der erste Schultag: Ein guter Eindruck ist entscheidend. Die Klamottenfrage ist eine leidige, die sich aber trotzdem immer wieder stellt. Die sichere Variante ist für mich immer, auf smart casual zurückzugreifen: Ein Pullover mit einer Bluse darunter, kombiniert mit Rock, Stoffhose oder Jeans, ist eigentlich für jedes Level an Büro-Formalität eine gute Wahl. Auch während der Arbeit ist es eine heikle Angelegenheit, das richtige Maß zwischen übereifriger Nervensäge und desinteressiertem Kopier-Heini zu finden. Grundsätzlich ist es gut, Initiative zu zeigen, eigene Ideen vorzuschlagen und zu fragen, ob man bei Meetings dabei sein und zusehen darf. Trotzdem solltet ihr euren Platz kennen und vielleicht nicht unaufgefordert vor den wichtigsten Großkunden*innen einen halbstündigen, unausgefeilten Monolog halten. Ich weiß, wie viel Überwindung es kostet, aber traut euch, nachzufragen, wenn ihr etwas nicht verstanden habt, oder um Hilfe zu bitten. Denn schließlich sollte ein Praktikum in erster Linie dazu da sein, dass ihr etwas lernt und nicht dazu, dass ihr ohne (angemessene) Bezahlung eine Vollzeitstelle ausfüllt (aber wie gesagt, das ist ein anderes Thema).

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7. Die Pandemie

Natürlich ist im Moment wegen der Coronavirus-Pandemie nichts wie sonst – das wirkt sich auch auf die Praktikumssituation aus. Doch das sollte euch nicht allzu sehr entmutigen: Zwar gibt es bestimmte Branchen, in denen im Moment wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage kaum eingestellt wird, generell geht es jedoch weiter, wenn auch nun häufiger im Home Office. Es mit der Bewerbung trotzdem zu probieren, kann also auf keinen Fall schaden.

Diese Tipps bringen hoffentlich ein bisschen Klarheit in das Wirrwarr der Praktikumskultur. Mehr Informationen und Tipps findet ihr auch auf den Seiten des Career Service.

Written By

Hanna Sellheim, 23, ist für den Master in Komparatistik von Berlin nach Göttingen gezogen. Egal wo, geschrieben hat sie schon immer und erkundet jetzt für den Blug den Göttinger Campus.

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