Dies Academicus – Was Sport bedeuten kann

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Meine Erwartungen an den Dies dieses Jahr sind hoch, schließlich soll es mein letzter sein. Zumindest wenn das Studium läuft wie geplant. Der Erste war so, wie er für Erstsemester sein sollte und hat den Dies seitdem zu einem der heißersehntesten Tage des Jahres gemacht.  Der ganze Platz war getaucht in warmes Dosenbierglück und die Freude nichts tun zu müssen, außer genügend Wasser zu trinken. Ein bisschen wie ein Festival, nur ohne das miefige Zelt und mit viel besserem Wetter. Man besucht Leute in ihren Pavillons, spielt Flunkyball, zieht weiter und geht Bullenreiten, Bobbycar fahren oder sonst einen Stuss, den man sonst an einem Mittwochvormittag nicht machen würde. Damals hatte ich keine Ahnung, wie groß das Sportfest eigentlich ist und war überrascht, Bekannte zu treffen, die gar nicht mehr in Göttingen studierten. Sie waren extra für den Dies angereist, mit Dosenbier und guten Erinnerungen.

An den ersten Dies kamen die folgenden Jahre nicht ran, auch wenn sie immer gut waren. Das ist das Problem mit Erwartungen. Trotzdem habe ich das Gefühl, diesen letzten nochmal besonders intensiv mitnehmen zu müssen. Schließlich fühlt sich langsam alles ernster an als letztes Jahr, und plötzlich schreibt man Bewerbungen. Zu meiner Enttäuschung ist die Freude meiner Kommilitonen über die Jahre deutlich abgeflacht: „Eh nur ein peinliches Event für Erstsemester, bei dem man sich zum Affen macht.“ Auch meine Dozenten geben mir das Gefühl, aus dem Dies rausgewachsen zu sein. Überhaupt sei es ja nur eine Veranstaltung, bei der man sich den ganzen Tag betrinkt und das könne man ja schließlich auch am Wochenende machen. Die Grundstimmung ist also negativer als erwartet. Aber egal, es ist Dies und der muss gefeiert werden. Also ist mein Plan für dieses Jahr, nochmal mitzunehmen was geht.

Ab Punkt 11 Uhr morgens geht es los. Das Wetter ist gut und man hört den Bass schon von weitem. Alles in allem sehr vielversprechend. Außerdem haben meine Freunde und ich so viel Essen wie noch nie zuvor. Wir haben genug Salate, Fladenbrot, Grillkäse und Würstchen, um eine Weile im Wald zu überleben. Trotzdem, irgendwie läuft es nicht so wie geplant. Ich mache dieses Jahr nicht beim Fußballturnier mit und auch bei keiner anderen Mannschaft. Das war mein erster Fehler. Man hängt etwas in der Luft, wenn man niemanden zum Anfeuern hat. Irgendjemand in der Gruppe hat Klebe-Tattoos und Hennafarbe mitgebracht. Fehler Nummer zwei. Für den Rest des Tages sehe ich aus wie ein Mädchen, das sich das Extra aus der Bravo falschrum aufgeklebt hat. Nur würdeloser. Mit Dosenbier und Klebearm ziehen wir los zur ersten Flip Cup Runde. Ich kann nicht viel trinken, da ich abends noch arbeiten muss. Aber nicht wichtig, darum geht’s ja nicht, wie ich meinen Dozenten beweisen werde. Meine Freundin organisiert Mitspieler und am Ende habe ich keine Ahnung, aus wessen Becher ich da eigentlich trinke. Ist auch eigentlich egal und wird immer egaler. Der letzte Dies, ich nehme alles mit, auch Bakterien.

Alles heißt aber auch die Aktivitäten: Bullenreiten, Wasserrutsche, Human Table-Soccer, alles. Ich spüre einen Druck wie bei einem Ultimatum, meine Freunde spüren den Druck, weiter Flip Cup zu spielen.  Das zwingt mich, alleine loszuziehen und zu machen, was ich machen muss. In der Schlange vor der Wasserrutsche bin ich maulig, das Warten nervt und ich habe keine Lust allein zu rutschen. Ich bin so lange maulig, bis mir jemand einen überdimensionalen Gummiring in die Arme reicht, dann bin ich glücklich. So glücklich, wie einen ein Riesen Donut eben machen muss. Ich nehme Anlauf und schmeiße mich auf das schwarze Gummigeschoss. Es geht schnell vorbei, aber es macht Spaß. Anschließend weiß ich nicht mehr so recht, was ich jetzt machen soll. Aufs Anstellen habe ich keine Lust mehr und meine Freunde finde ich auch nicht wieder. Sie sind wahrscheinlich weiter gezogen, zum nächsten Pavillon.

Ich laufe also rum und besuche Leute, die Volleyball spielen und treffe eine alte Freundin, die inzwischen in Riga studiert. Auch sie ist extra für den Dies gekommen. Zwar nicht direkt aus Riga, aber immerhin aus Hildesheim. Danach gehe ich wieder zu unserem Picknickplatz und tue, was man tut, wenn etwas nicht läuft wie geplant und man sich langweilt. Ich fange an die Reste zu essen. Irgendwann sind auch meine Freunde wieder da, inzwischen ziemlich betrunken und nuscheln komische Sachen. Es ist heiß und in zwei Stunden muss ich arbeiten. Irgendwie lief der Tag nicht wie geplant. Niemand liegt sich in den Armen und besingt den letzten Dies, während uns die Tränen über die Wangen laufen. Ich gehe nach Hause.

Trotzdem, der Dies hat nicht enttäuscht und ist für mich auch keine alberne Veranstaltung. Albern wird er nur, wenn man wie ich die Erwartungen zu hoch hängt oder tatsächlich das Fußballturnier ernst nimmt. Zu einer Zeit im Jahr, in der der Druck wächst und die Arbeit sich häuft, erlaubt der Dies uns für einen Tag eine Attitüde zu leben, die wir sonst nur in unserem Kopf abspielen, wenn er müde auf den Schreibtisch sinkt. Für einen Tag im Semester dürfen wir sagen: Die Uni kann mich. Heute nicht. Das ist etwas anderes als es am Freitagabend zu tun, wenn der Spaß da ist, wo der Kalender ihn vorsieht. Vorgesehener Spaß ist nicht befreiend. Dies ist, was man draus macht und wenn es mir mit 30 immer noch nicht zu doof ist, komme ich halt wieder. Dann mit dem guten Dosenbier, natürlich.

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