Das Schoßhund-Geheimnis

Die tatsächliche wahre Geschichte des Göttinger Mopsordens

Ein kleiner Hund, eine Geheimloge, die Uni Göttingen – gehört nicht zusammen? Doch doch! Denn für kurze Zeit existierte eine Geheimverbindung an der Georgia Augusta, die sich augenscheinlich nur um das eine drehte: den Mops. Seine feuchten Augen, sein säuselndes Atmen, seine in tiefe Falten geworfene Stirn – welches Tier schreit schon mehr “rätselhafte Geheimverbindung“ als er?! Höchste Zeit für eine Spurensuche.

Diese Geschichte beginnt wie viele andere: auf Wikipedia. Zu viel Zeit, zu wenig Lust auf die eigentlichen Aufgaben, klick klick klick und plötzlich sehe ich ihn vor mir – den Mopsorden. Und mit ihm meine Erleuchtung in Sachen Geheimlogen: die Gerüchte stimmen, alles ist wahr. Beziehungsweise gelogen. Beziehungsweise fingiert durch eine ausgewählte Gruppe von… Möpsen. Wie sonst kann es sein, dass dieser Orden mir während meiner nicht zu unterschätzenden Studienzeit niemals über den Weg gelaufen ist!?! Einen Deep-dive in die Bereichsbibliothek Kulturwissenschaften später weiß ich: ja, es gab ihn wirklich. Und ja, es gab ihn auch in Göttingen. Haltet eure Aluhüte fest, stellt eure Telegram-Notifications auf on und macht euch bereit, diese Schoßhunde für immer mit anderen Augen zu sehen.

Mops im schwarz-weiß, schaut verdächtig.
Der Mops – schaut schon ganz verdächtig.
Mops, Möpsin, Großmöpsin

Meine Spurensuche führt mich tief hinein in die dunklen Abgründe der Georgia Augusta… Beziehungsweise: Ins Erdgeschoss der Paulinerkirche. Dort hütet Holger Berwinkel, der Archivar der Universität, nämlich Dokumente aus 280 Jahren Unigeschichte. „Wir wissen von den Göttinger Möpsen eigentlich herzlich wenig“, gibt Herr Berwinkel zu – ein guter erster Schritt für Verschwörungstheorien aller Art –, kann mir dann aber trotzdem das Kassenbuch der Möpse und die Protokolle des Uni-internen Gerichtsverfahrens gegen den Orden zeigen. In der deutschen Bürokratie geht halt nichts verloren.

Die Georg-August-Universität des 18. Jahrhunderts war, anders als jede gute ntv-Doku, nämlich keine Freundin von studentischen Geheimbünden. Nachdem sie bereits 1747 sogenannte Landsmannschaften verboten hat, sollte Anfang 1748 auch der kurzlebige Mopsorden verboten werden.

Aber erstmal von vorne: Geheimlogen waren im 18. Jahrhundert en vogue. Inspiriert von den Freimaurern (AHA! Konnte ja nur eine Frage der Zeit sein, bis die ins Spiel kommen) haben sich daher ab etwa 1740 in ganz Europa Mops-Logen gegründet. „Die Möpse haben sich an der Freimaurerei orientiert, haben den metaphysischen Gehalt weggelassen und gerade die Rituale und die Verbindlichkeit mehr als Spiel gehandhabt, weniger ernst“, erklärt Herr Berwinkel. „Sie waren ein gesellschaftliches Phänomen des 18. Jahrhunderts, der Epoche der Aufklärung. Dass sich studentische Orden gründeten, lag insofern auch im Trend.“

 

Der Mops – verspielter Freimaurer.

„Spiel“ kann man laut sagen, denn ihre Riten wirken genauso abstrus, wie man es bei einem Verein namens „Mopsorden“ erwarten kann. Zur Initiation mussten neue Mitglieder zum Beispiel jaulend an der Logentür kratzen, bevor sie mit verbundenen Augen an einem Halsband durch den Raum geführt wurden um dann eine Mopsfigur auf den Hintern küssen. Was sonst?

„Mopsorden waren eigentlich eine Elitensache“, erklärt mir Herr Berwinkel. So war beispielsweise sogar Wilhelmine von Preußen, Schwester Friedrichs des Großen und Markgräfin von Bayreuth, Großmöpsin (ja, das ist wirklich die offizielle Bezeichnung. „Mops“ lässt sich im Ordenskontext anscheinend analog zum Wort „Schlumpf“ verwenden.) einer Mopsloge. Und allein darin steckt noch etwas besonders Bemerkenswertes, denn der Orden hat schon damals Frauen, Möpsinnen, in seine Reihen aufgenommen (ein revolutionärer Schritt, den Freimaurerlogen übrigens bis heute nicht gewagt haben, keine Pointe).

Eine kurze Geschichte der Göttinger Mopserei

Die Göttinger Loge möchte aber nicht so ganz ins Bild passen. Zum einen war der Göttinger Ableger ein studentischer Orden, was im 18. Jahrhundert nichts Anderes als „durchweg männlich“ bedeutete. Zum anderen rangierte eine Bande Studierender damals gesellschaftlich einige Etagen unter dem Hochadel. Der Archivar hat daher andere Vermutungen: Vielleicht war der Orden nicht „ernsthaft möpsisch gemeint“, sondern einfach ein umetikettierter Nachfolger der kurz zuvor verbotenen Landsmannschaften – Verbindungen von Studierenden aus denselben Heimatregionen. Vielleicht haben sich aber auch verhinderte Freimaurer in einem Mopsorden organisiert, nachdem sie in die junge Göttinger Freimaurerloge nicht aufgenommen wurden.

„Oder war es vielleicht doch ein heimtückischer Schoßhund, der Student nach Student für sich einnehmen und so die Weltherrschaft an sich reißen wollte?“, frage ich mich im Stillen. Alle Möglichkeiten scheinen mir einfach gleich plausibel!

Alle Möpse namentlich vermerkt.

50 Mitglieder zählte der Mopsorden in den knapp drei Monaten seines Bestehens. Worüber sich selbst heute einige Hochschulgruppen freuen würden, bedeutete damals für die junge und noch sehr überschaubare Uni Göttingen: jeder zehnte Student war ein Mops.

Mit der Mopserei war es dann allerdings sehr schnell vorbei. Der Auslöser: Ein Streit unter betrunkenen Logenbrüdern. Es folgten Inhaftierungen im Karzer, die Vernehmung der Festgenommenen und eine kleine, aber folgenreiche Randnotiz durch den Syndikus, den Verwaltungschef der Universität: Ergo Iurisdictionem exercent die Mopsbrüder (natürlich, Latein! Also doch die Illuminati!).

Ergo Iurisdictionem exercent die Mopsbrüder!

Herr Berwinkel übersetzt, was mein Schullatein nicht mehr vermag: Die Mopsbrüder üben also eine Gerichtsbarkeit aus! „Da war die rote Linie überschritten, denn die Universität hatte eine Disziplinargerichtsbarkeit über die Studierenden“, erklärt Herr Berwinkel. Hatte ein Studierender etwas verbrochen, war es an der Universität, ihn dafür zu bestrafen. Das fing an bei ein paar Tagen Karzer für öffentliches Tabakrauchen an und hatte nach oben quasi keine Grenzen. „Sie konnte sogar, mit Bestätigung aus Hannover, Todesurteile verhängen.“

Möpse müssen draußen bleiben

Warum ist die Universität damals so rigide gegen die Möpse vorgegangen? Wollte sie etwa ein noch viel dunkleres Geheimnis verbergen? Bin ich der nächsten Da-Vinci-Code-Jesus-hatte-Nachkommen-Enthüllung (sorry, Spoiler) auf der Spur? Herr Berwinkel sieht es etwas bodenständiger. Das Zauberwort ist für ihn hier Pennalismus.

Der Mops – kurz davor die Disziplinargerichtsbarkeit der Universität zu unterwandern.

Pennalismus, die ausbeuterische Gängelung von neuen Studierenden durch ältere Semester, gab es an anderen deutschen Universitäten bereits seit dem Mittelalter. Geldabgaben, absonderliche Initiationsriten – „so wie sie das aus amerikanischen College-Kömodien vielleicht auch kennen“, sagt Herr Berwinkel. Nur halt mittelalterlicher. In Göttingen sollte der Pennalismus allerdings von vorne herein ausgeschlossen werden. „Es ging gerade erst los in Göttingen. In der Regierung in Hannover war man noch nervös, ob dieses junge Pflänzchen blühen und sich gegen die alten Universitäten durchsetzen wird.“ Deshalb habe man sich auch so viel Mühe gegeben, das Bild der Uni als ernstzunehmende Arbeitsuniversität zu stärken. Pennalismus und eigene Gerichtsbarkeit durch Orden und Landsmannschaften – quasi einen Staat im Staat – konnte man sich nicht leisten. „Da kam ein Mopsorden zur Unzeit“, folgert der Archivar.

Und dann? „Haben die Möpse Spuren hinterlassen?“, frage ich und hoffe als Antwort auf ein „Seitdem agieren sie aus dem Untergrund!“. Den Gefallen tut mir Herr Berwinkel allerdings nicht: „Nein“, antwortet er schlicht. Die Möpse seien nichts weiter als eine kurze Episode in der Geschichte der Georgia Augusta.
Aber soll das wirklich alles gewesen sein? So viele Fragen sind noch offen! Warum wissen wir so wenig über die Göttinger Möpse? Wie viel wusste Loriot? Warum gab es nie einen Orden für französische Bulldoggen? Und ist es nicht vielleicht doch möglich, dass sich noch heute Menschen im Geheimen zusammenfinden, um jaulend an Türen zu kratzen und Mopshintern zu küssen? Meine Suche nach der Wahrheit hat gerade erst angefangen!

 

1 Comment

  • Ich bin gerade auf diese Geschichte gestoßen, und kann kurz berichten, dass es – unbeabsichtigt – eine kleine Fortsetzung gibt. Wir haben am Zentrum für Integrierte Züchtungsforschung eine Methode und Software zur modularen Repräsentation und Simulation von Zuchtprogrammen entwickelt, unter dem Titel ‚Modular breeding program simulator‘ und dem Akronym MoBPS, und wir haben aus phonetischen Gründen natürlich den Mops als Emblem gewählt. Das Akronym klingt übrigens für nicht-deutschsprachige Benutzer so schräg, dass es einen hohen Wiedererkennungswert hat und zwischen den Konkurrenzprodukten (deren Akronym sich meist aus irgendwelchen Silben wie ‚breed‘ und ’sim‘ zusammensetzt) deutlich heraussticht. Ich denke, ich werde gelegentlich bei Vorträgen zu unseren Arbeiten auch einmal einen Querverweis auf den Göttinger Mopsorden unterbringen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert